Kein Tee nach 18h, niemals!

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***GASTARTIKEL***
Elena und Alex aus Berlin haben ihre Karrieren an den Nagel gehängt um als Paar gemeinsam zu reisen und sich neu zu erfinden. Auf AUSZWEIT bloggen sie u.a. über ihre Reiseabenteuer, Outdoorsport und Meditation. Hier über Schnee und Tee in Nepal. 


 

 

Nach dem anstrengendsten Tag meines Lebens wache ich wie aus einem Koma auf. Etwas benommen werfe ich einen Blick aus dem Fenster und kann kaum glauben was ich sehe: dicke weiße Schneeflocken. Ok, ich habe gestern mit meinem Freund Alex den Pass des Annapurna-Treks überwunden und wir befinden uns immer noch auf 3.600 m Höhe aber mit Schnee haben wir im Oktober nicht wirklich gerechnet. Alle Reiseführer haben schließlich darauf verwiesen, dass der Oktober der beste Monat für den Trek sei. Beim Frühstück ist der Schneefall natürlich das Top Thema. Schnell ist man sich einig, dass dann wohl heute keine Wanderer den Pass überqueren wird. Schließlich war das Erklimmen vom Thorung La (5.400 m) schon ohne Schnee eine richtige Strapaze. 1.400 Höhenmeter hinauf und 1.800 Höhenmeter hinab. Wir haben 10 Stunden für diese Strecke gebraucht. Mit Schnee also kaum machbar. Somit verbringen wir den Tag damit, Witze über das Wetter zu reißen und das gute Essen in der Berglodge zu genießen.

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Als dann um 15 Uhr die Tür des Hotels aufgeht und eine völlig verfrorene Italienerin vor uns steht können wir nicht glauben, was sie uns berichtet. Vom Basecamp auf der anderen Seite des Berges seien heute morgen alle Wanderer losgelaufen, obwohl schon beim Aufbruch um 4 Uhr morgens alles weiß gewesen sei. Die nepalesischen Bergführer hätten allesamt zum Aufbruch geblasen und den Touristen erzählt, dass so ein paar Schneeflocken den Aufstieg nur unwesentlich erschweren würden. Als die Italienerin von den schwierigen Wetterverhältnissen berichtet, haben wir alle einen Kloß im Hals. Zum einen, weil wir ahnen, wie sehr die Menschen am Pass gerade mit den Naturgewalten kämpfen, zum anderen wie viel Glück wir doch mit unserer eigenen Überquerung am Vortag hatten. Nach und nach treffen immer mehr Menschen in dem Hotel ein und erzählen von Vermissten, Rippenbrüchen, Orientierungslosigkeit im Schneesturm und Schneelöchern von mehreren Metern Tiefe…

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In dem Empfangsbereich beginnen wir damit, den ankommenden Menschen warmen Tee oder Wärmflaschen zu besorgen und unsere trockene Kleidung zu verleihen. Ein Träger hat leichte Erfrierungen an den Händen als er nach 18 Stunden Kampf bei uns eintrifft. Er ist für Stunden nicht ansprechbar und zittert am ganzen Körper. Als es gerade dunkel wird, kommen zwei Männer in unserer Unterkunft an. Sie sind nass bis auf die Knochen und am Ende ihrer Kräfte. Ich höre, dass sie deutsch miteinander sprechen. Bevor ich ihnen meine Hilfe anbieten kann, verschwinden sie auf ihr Zimmer, das letzte freie in unserem Hostel. Besorgt schnappe ich mir ein Tablett mit heißem Tee und mache mich auf in den dritten Stock. Ich klopfe an die Zimmertür und frage, ob ihnen etwas fehle und ob sie vielleicht einen heißen Tee trinken mögen. Der ältere von beiden, ich schätze ihn auf Ende 60, möchte mit einem österreichischen Akzent wissen, was das denn für Tee sei. Etwas verdutzt über die Frage nach solch einem Höllentag entgegne ich, dass es sich wohl um Schwarztee handele. Er zückt seine Uhr und sagt ohne Umschweife: “Nach 18 Uhr trinke ich keinen schwarzen Tee”. Als ich gerade etwas erwidern will fügt er bestimmt hinzu: “NIEMALS, sonst kann ich ja nicht schlafen!”. Am 14.10.2014 starben 43 Wanderer, Träger und Bergführer bei dem Versuch den Thorung La Pass zu überqueren.

 

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*** DANKE ELENA UND ALEX FÜR DIESEN GASTARTIKEL ***

4 comments

  1. Wow, das geht schon sehr nah mit dem beschwinglichen Schreibstil und dann so einer Tragödie. Sehr gut.

    Mit dem Thorong La verbinde ich persönlich grellen Sonnenschein und viel Schweiss. Was das Wetter doch einen Unterschied macht.

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